Thalia Theater verhandelt symbolisch über AfD-Verbot in "Prozess gegen Deutschland"
Mia KochRegisseur Milo Rau stellt die AfD im Theater vor Gericht - Thalia Theater verhandelt symbolisch über AfD-Verbot in "Prozess gegen Deutschland"
Hamburgs Thalia Theater wagt ein kühnes Theater-Experiment im Rahmen der diesjährigen Lessing-Tage: Der Schweizer Regisseur Milo Rau inszeniert einen dreitägigen "Prozess gegen Deutschland", der sich mit einem möglichen Verbot der rechtsextremen AfD befasst. Zum ersten Mal bringt Rau damit eines seiner politisch aufgeladenen Scheingerichtsverfahren nach Deutschland.
Die Lessing-Tage, 2010 vom ehemaligen Thalia-Intendanten Joachim Lux gegründet, nehmen unter diesem Jahre Kurator Matthias Lilienthal – der bald die Berliner Volksbühne leiten wird – eine provokante Wendung. Statt klassischem Theater setzt Lilienthal auf ein ungewöhnliches Format: Anstelle von Schauspielern übernehmen reale Juristen und Rechtsexperten die Verhandlungsführung. Den Vorsitz führt die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin.
Raus Arbeiten verschwimmen oft die Grenzen zwischen Theater und Realität. Zu seinen früheren Projekten zählen "Das Kongo-Tribunal" (2015), das Kriegsverbrecherprozesse in Kinshasa und Berlin nachstellte, sowie "Die Moskauer Prozesse" (2013), eine Reinszenierung stalinistischer Säuberungen. Seine Produktionen entstanden in Zusammenarbeit mit renommierten Institutionen wie der Schaubühne Berlin, dem NTGent und der Biennale Venedig. Diesmal rückt die deutsche Politik in den Fokus – mit der möglichen AfD-Verbotsdebatte als zentralem Thema.
Der "Prozess gegen Deutschland" bleibt nicht auf die Bühne beschränkt: Weltweit können Zuschauer die Verhandlungen per tagesschau auf der Website des Thalia Theaters verfolgen.
Das Experiment bildet den Abschluss der diesjährigen Lessing-Tage – eine Mischung aus juristischer Debatte und Performance-Kunst. Raus Ansatz zwingt das Publikum, sich im theatralischen Rahmen mit realen politischen Fragen auseinanderzusetzen. Zwar ist das Urteil symbolisch, doch dürfte es die Diskussion über den Umgang mit rechtsextremen Parteien in Deutschland weiter anheizen.