18 March 2026, 10:03

Pharma-Streit eskaliert: Wer trägt die Schuld an Europas Arzneimittel-Engpässen?

Plakat, das zeigt, dass Big Pharma 2022 Amerikaner zwei bis drei Mal so viel für dieselben Medikamente berechnet hat wie andere Länder, mit Bildern von Medikamentenflaschen und einer Spritze.

Pharma-Streit eskaliert: Wer trägt die Schuld an Europas Arzneimittel-Engpässen?

Heftige Debatte auf Handelsblatt-Jahrestagung: Pharmaindustrie und Krankenkassen streiten über Arzneimittelversorgung in Europa

Auf der diesjährigen Handelsblatt-Konferenz entbrannte eine hitzige Diskussion zwischen Vertretern der Pharmaindustrie und Krankenversicherern über die Widerstandsfähigkeit der Arzneimittelversorgung in Europa. Während Branchenvertreter vor kritischen Schwachstellen warnten, wiesen die Kassen die Bedenken als übertrieben zurück. Im Mittelpunkt des Streits standen Freihandelsabkommen, Bevorratungsstrategien und die dringend notwendigen Investitionen in die heimische Produktion.

Das 2023 vom deutschen Gesetzgeber beschlossene Arzneimittellieferengpass- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) hat die Versorgungsengpässe bisher kaum wirksam bekämpft. Trotz seiner Einführung sind weniger als 2 Prozent der Medikamente abgedeckt – rund 500 Generika bleiben unzugänglich. Branchenführer kritisieren, dass Pläne zur Erhaltung der Produktionskapazitäten vage blieben und der Aufbau neuer Standorte kaum vorankommt.

Auf der Konferenz betonte Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), dass die Verwundbarkeiten europäischer Arzneimittellieferketten lange unterschätzt wurden. Er forderte mehr Investitionen in Forschung und Produktion, um die Eigenständigkeit – insbesondere bei Antibiotika und Generika – zu sichern. Thomas Weigold, Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal, unterstützte diese Forderung und plädierte für eine größere Unabhängigkeit in der Arzneimittelherstellung, um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern. Weigold kritisierte Freihandelsabkommen scharf: Diese untergrüben die Resilienz, indem sie neue Abhängigkeiten schüfen.

Die Krankenkassen wiesen die Bedenken der Industrie jedoch zurück. Tim Steimle, Pharma-Referatsleiter bei der Techniker Krankenkasse, verteidigte das Regierungsziel eines sechsmonatigen Mindestvorrats und erklärte, dieses sei bereits erreicht. Zudem verwies er darauf, dass Rabattverträge zunehmend in umfassendere Versorgungsvereinbarungen überführt worden seien – wenn auch Kinderarzneimittel weiterhin ausgenommen blieben. Steimle begrüßte das geplante Freihandelsabkommen mit Indien als Schritt zur Sicherung der Arzneimittelversorgung.

Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, widersprach hingegen: Der sechsmonatige Vorrat reiche nicht aus. Er forderte die Politik auf, realistische Krisenszenarien zu definieren. Joachimsen hingegen hielt die Bevorratung von Generika für wirtschaftlich wenig sinnvoll und verlangte stattdessen einen Kurswechsel in der Gesundheitspolitik.

Das anstehende Gesundheitssicherstellungsgesetz wird zwar für seine integrierte Krisenplanung gelobt, doch Kritiker monieren das Fehlen klarer Zeitpläne und Prioritäten. Zwar zielen die Nationale Pharmastrategie und der Pharma-Dialog darauf ab, die Rahmenbedingungen zu verbessern – doch die Branche klagt über unzureichende wirtschaftliche Anreize, strenge Preisregulierungen und das Versäumnis, die heimische Produktion oder Lagerbestände auszubauen. Viele fordern wettbewerbsfähigere Bedingungen und eine geringere Abhängigkeit von asiatischen Lieferanten.

Die Konferenz offenbarten tiefe Gräben zwischen Industrie und Kassen in der Frage der Arzneimittelsicherheit. Während die Krankenversicherer auf bestehende Lagerbestände und Handelsabkommen verweisen, pochen die Pharmaunternehmen auf mehr Investitionen und politische Weichenstellungen. Ohne konkrete Maßnahmen könnten Engpässe und Abhängigkeiten bestehen bleiben – und das System anfällig für künftige Krisen machen.

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