"Kings and Queens": Wie Förderschüler in Rheinsberg die Bühne erobern
Lotta Schneider"Kings and Queens": Wie Förderschüler in Rheinsberg die Bühne erobern
Ein mutiges neues Musiktheaterprojekt steht im Mittelpunkt der Musikakademie Rheinsberg
Unter dem Titel „Kings and Queens – Ein musikalischer Staatsstreich“ vereint die Produktion professionelle Kompositionen mit den kreativen Stimmen von 32 Kindern aus ländlichen Förderschulen. Das Projekt, Teil der Initiative „Musiktheater 360°“ der Akademie, verwandelt die jungen Teilnehmer in selbstbewusste Darsteller und stellt dabei gängige Vorstellungen über ihre Fähigkeiten infrage.
Die Idee zu der Produktion entstand vor über zwei Jahrzehnten mit dem Ensemble Quillo, einer Musikergruppe aus Falkenhagen. Bekannt dafür, zeitgenössische Musik in ländliche Regionen zu bringen, entwickelten sie zunächst das Projekt „Werkstatt Quillo“, für das sie 2025 mit dem renommierten Opus Klassik ausgezeichnet wurden. Nach dieser Ehrung übertrugen sie ihr Know-how an die Musikakademie Rheinsberg, wo die aktuelle Aufführung Gestalt annahm.
Die Show selbst ist eine faszinierende Mischung der Stile. Der professionelle Musiker Andreas Völk komponierte eine triumphale Ouvertüre und düstere Zwischenspiele, die neben Klängen stehen, die aus den eigenen Erlebnissen der Jugendlichen entstanden sind. Eine Szene taucht in Dunkelheit ein und zeigt eine entenartige Kreatur mit schwarzen Schwingen und einer schnabelartigen Maske, die ein Mädchen verfolgt und verschlingt – ein unheimlicher, traumhafter Moment. An anderer Stelle übernimmt der Humor das Kommando: In einer Parodie auf die „Tagesschau“ fordert ein fiktiver Nachrichtensprecher namens Ente Kross die Zuschauer auf, eine Nummer mit den Endziffern 6 und 7 anzurufen.
Die jungen Darsteller zwischen 11 und 16 Jahren bringen auch eigene künstlerische Akzente ein. Eine Gruppe von Mädchen schwingt selbstbemalte Stäbe, „Regenmacher“ genannt, die mit Kieselsteinen gefüllt sind und beim Bewegen wie fallender Regen rauschen. Zu den Mitwirkenden gehören Fieby und Helene von der Clara-Zetkin-Schule, die sogar nach einer Deutschprüfung am selben Morgen noch zur Probe erschienen. Gefragt, was sie tun würden, wenn sie ihre Stadt regieren könnten, zeigten ihre Antworten sowohl Fantasie als auch einen Bezug zu ihrem Alltag.
Für die beteiligten Lehrkräfte bot das Projekt neue Blickwinkel. Eine Pädagogin berichtete, bei einem Schüler eine liebevolle, verletzliche Seite entdeckt zu haben, die im Unterricht selten zum Vorschein kommt. Eine andere verwies auf die Stigmatisierung, der Kinder mit Förderbedarf oft ausgesetzt sind, und betonte, wie die Aufführung ihnen ermöglichte, ohne Vorurteile zu glänzen.
Den Höhepunkt erreicht die Produktion in einem freudigen Finale: Die jungen Künstler tanzen über die Bühne, ihre Gesichter strahlen vor Stolz und neu gewonnenem Selbstvertrauen. Die Verwandlung von zurückhaltenden Schülern zu selbstbewussten Bühnenpräsenz ist wohl der größte Erfolg des Projekts.
Die Aufführung markiert einen Meilenstein – sowohl für die Musikakademie Rheinsberg als auch für die jungen Teilnehmer. Indem „Kings and Queens – Ein musikalischer Staatsstreich“ professionelle Kunst mit den persönlichen Ausdrucksformen der Schüler verbindet, ist ein Raum entstanden, in dem Kreativität und Selbstbewusstsein gedeihen. Für die Kinder geht die Erfahrung weit über die Bühne hinaus: Sie bietet ihnen die seltene Chance, wahrgenommen – und gehört – zu werden.






