München misst digitale Souveränität mit neuem Bewertungssystem gegen IT-Abhängigkeiten
Leon SchröderMünchen misst digitale Souveränität mit neuem Bewertungssystem gegen IT-Abhängigkeiten
München führt "Digital Sovereignty Score" ein, um Abhängigkeit von ausländischen IT-Anbietern zu bewerten
München hat einen Digitalen Souveränitätsindex (DSS) eingeführt, um zu messen, wie unabhängig seine IT-Systeme von ausländischen Anbietern und Rechtsordnungen sind. Das neue Bewertungssystem, das in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München (TUM) entwickelt wurde, soll Risiken in technischen, rechtlichen und organisatorischen Bereichen erfassen. Behördenvertreter bezeichnen es als einen entscheidenden Schritt, um die Funktionsfähigkeit und Eigenständigkeit der städtischen Verwaltung langfristig zu sichern.
Der DSS klassifiziert die IT-Infrastruktur anhand einer fünfstufigen Skala, die optisch an den Nutri-Score erinnert. Dienstleistungen mit der Bewertung DSS 5 – der niedrigsten Stufe – umfassen etwa gesetzlich vorgeschriebene E-Vergabeplattformen, zentrale Anwendungen öffentlicher Einrichtungen sowie E-Aktenmanagement-Tools. Eine erste Auswertung von 194 kommunalen Diensten ergab ein gemischtes Bild: 66 Prozent erreichten die beiden besten Stufen (DSS 1 und 2), während 5 Prozent in die kritische Kategorie DSS 4 und 21 Prozent in die problematischste Stufe DSS 5 fielen.
Dr. Laura Dornheim, IT-Referentin und Chief Digital Officer der Stadt München, betonte, dass messbare Standards unverzichtbar seien, um die digitale Souveränität der Stadt zu schützen und auszubauen. Der DSS werde künftig in alle IT-Prozesse und Beschaffungsvorgänge integriert, wobei strengere Anforderungen an offene Standards in neuen Verträgen gestellt würden. Zudem sollen Migrationspläne erarbeitet werden, um eine Abhängigkeit von einzelnen Anbietern (Vendor Lock-in) zu vermeiden. Jährliche Fortschrittsberichte werden dem Stadtrat im Rahmen des E-Government- und Open-Government-Berichts vorgelegt.
Münchens Vorgehen reiht sich in europäische Bestrebungen ein, die Abhängigkeit von ausländischen Technologieanbietern zu verringern. Vergleichbare Initiativen sind etwa der Deutsche Bundestag, der die Abkehr von US-Techkonzernen vorantreibt, oder Frankreich, das mit Visio eine eigene Videokonferenzplattform eingeführt hat.
Der DSS wird künftig die IT-Entscheidungen Münchens prägen – mit strengeren Vergaberichtlinien und regelmäßiger Erfolgsmessung. Durch den Fokus auf offene Standards und Migrationsstrategien will die Stadt Risiken im Zusammenhang mit ausländischen Anbietern minimieren. Jährliche Berichte sollen den Stadtrat über die Fortschritte bei der digitalen Souveränität informieren.