Neuer Film "Nürnberg" zeigt die Abgründe der NS-Prozesse – zwischen Psychologie und Sentimentalität
Leon SchröderNeuer Film "Nürnberg" zeigt die Abgründe der NS-Prozesse – zwischen Psychologie und Sentimentalität
Ein neuer Film mit dem Titel Nürnberg blickt zurück auf die Prozesse von 1945 gegen hochrangige Nazis und konzentriert sich dabei auf die psychologischen Bewertungen von Figuren wie Hermann Göring. Unter der Regie von James Vanderbilt steht der Psychiater Dr. Douglas Kelley im Mittelpunkt, ein US-Armeeoffizier, der den geistigen Zustand der Angeklagten begutachten sollte. Obwohl das Thema größte Ernsthaftigkeit erfordert, hat der filmische Ansatz Debatten über historische Genauigkeit und emotionale Manipulation ausgelöst.
Die Handlung folgt Kelley, der Göring und andere NS-Führer befragt und dabei nach Anzeichen von Wahnsinn oder berechneter Bosheit sucht. Der Film greift stark auf Hannah Arendts Konzept der „Banalität des Bösen“ zurück und deutet an, dass monströse Taten von ganz gewöhnlichen Menschen in totalitären Systemen ausgehen können. Dieses Thema zieht sich durch den gesamten Film und gipfelt in einer Warnung vor der Möglichkeit, dass solche Regime wieder auftauchen könnten.
Fast fünf Minuten lang zeigt Nürnberg ungeschnittenes Filmmaterial aus Konzentrations- und Vernichtungslagern. Die Sequenz läuft in beinah vollständiger Stille, ohne musikalische Untermalung, und bildet einen schroffen Kontrast zum ansonsten dramatischen Ton des Films. Doch dieser kraftvolle Moment wird später durch einen übertrieben sentimental inszenierten Schlussakt unterlaufen, der von emotionaler Überladung geprägt ist.
Visuell setzt Vanderbilt auf einen blau-beigen Farbfilter, der dem Film eine künstliche, distanzierte Wirkung verleiht. Die Filmmusik von Brian Tyler schwillt oft ins Melodramatische an und lenkt die Gefühle des Publikums, statt sie natürlich entstehen zu lassen. Kritiker werfen dem Film vor, dass solche stilistischen Entscheidungen – ähnlich wie bei früheren Hollywood-Produktionen wie Der Buchdieb oder Jakob der Lügner – die historischen Grausamkeiten durch Sentimentalität abschwächen.
Nürnberg reiht sich damit in eine lange Liste von Filmen ein, die darum ringen, Erzählkunst mit dem Gewicht der NS-Verbrechen in Einklang zu bringen. Zwar greift er Arendts philosophische Warnungen auf, doch seine stilistischen Mittel und narrativen Vereinfachungen bleiben hinter einer präzisen historischen Aufarbeitung zurück.
Die Verwendung des originalen Lagerfilmmaterials stellt den wirkungsvollsten Moment des Films dar – eine ungeschönte Konfrontation mit der Vergangenheit. Doch die Abhängigkeit von emotionaler Manipulation und stilisierter Bildsprache wirft Fragen auf, ob Hollywood solch schwerwiegende Themen angemessen behandeln kann. Nürnberg bleibt letztlich ein weiteres Beispiel für die Schwierigkeiten, historische Brutalität darzustellen, ohne sie zu verharmlosen.






