Jahrzehntelanger Missbrauch im Nicolhaus: Universität sucht nach der Wahrheit
Lotta SchneiderUniversität untersucht mögliche Missbrauchsfälle in bayerischem Heim - Jahrzehntelanger Missbrauch im Nicolhaus: Universität sucht nach der Wahrheit
Eine von der Universität geleitete Untersuchung befasst sich nun mit jahrzehntelangen Misshandlungsvorwürfen im Kinderheim Nicolhaus in Willmars. Die Studie folgt auf jahrelange Anschuldigungen ehemaliger Heimkinder, die behaupten, zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren sexualisierte, körperliche und psychische Gewalt erlitten zu haben. Die Forscher:innen wollen aufklären, was damals geschah und wie solche Missstände über Jahrzehnte hinweg geduldet werden konnten.
Das von der Evangelischen Kirche betriebene Nicolhaus nahm nach dem Zweiten Weltkrieg Waisen und Kinder aus sogenannten "problematischen" Familien auf. Noch heute werden dort 48 junge Menschen betreut. Doch bereits 2012 traten 23 ehemalige Bewohner:innen mit Berichten über schwere Misshandlungen während ihrer Zeit im Heim an die Öffentlichkeit.
Ein Zeitungsbericht im Jahr 2024 veranlasste die Staatsanwaltschaft Schweinfurt, Ermittlungsverfahren einzuleiten. Zu den Vorwürfen zählte sexualisierte Gewalt durch mehrere Täter:innen, darunter auch Geistliche. Ermittler:innen gingen später von einem "pädophilen Netzwerk" aus, an dem ein Diakon, ein Pfarrer, deren Ehefrauen und zwei Erzieher:innen beteiligt gewesen sein sollen – doch eine strafrechtliche Verfolgung war spätestens 2001 aufgrund der Verjährungsfristen nicht mehr möglich.
Nun wird ein Team der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) eine unabhängige Untersuchung zu den Missständen leiten. Finanziert von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und der Diakonie Bayern, werden die Forscher:innen Betroffene befragen, Archivmaterialien auswerten und weitere Beweise analysieren. Ihr Ziel ist es, das volle Ausmaß der Gewalt und die Strukturen, die sie ermöglichten, zu rekonstruieren.
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der Betrieb des Nicolhaus-Heims in den Jahren zwischen 1950 und 1980. Die Überlebenden warten seit Jahrzehnten auf Antworten über das erlittene Leid. Die Ergebnisse der Studie sollen klären, wie solch systemische Gewalt über Jahre hinweg unentdeckt bleiben konnte.






