07 May 2026, 12:09

Halberstadts verlorene jüdische Geschichte: Wie die DDR die Erinnerung verweigerte

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, die zahlreiche rechteckige Betonsteine in einem Gittermuster zeigt.

Halberstadts verlorene jüdische Geschichte: Wie die DDR die Erinnerung verweigerte

Halberstadts jüdische Gemeinde – einst ein blühendes Zentrum des Neo-Orthodoxen Judentums – wurde zwischen 1938 und 1942 systematisch vernichtet. Den Auftakt zur Auslöschung markierte die Zerstörung der Synagoge in der Pogromnacht des Novembers 1938. Jahrzehnte später untersucht der Historiker Philipp Graf in seinem Buch „Verweigerte Erinnerung“ (Originaltitel: *„Rejected Legacy“), wie die DDR trotz ihres antifaschistischen Anspruchs versagte, sich dieser Geschichte zu stellen.

Der Untergang des jüdischen Lebens in Halberstadt begann mit dem Abriss der Synagoge 1938. Bis 1942 war die Gemeinde vollständig ausgelöscht. Nach dem Krieg entstand 1949 auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge eine Gedenkstätte für die Opfer der Zwangsarbeit. Doch 1969 wurde sie umgestaltet – nicht als Ort der Trauer, sondern als Versammlungsstätte für politische Treuebekundungen, errichtet direkt über den Gräbern von Häftlingen.

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Das Verhältnis der DDR zur jüdischen Geschichte blieb widersprüchlich. 1961 war Willy Calm der letzte Jude in Halberstadt, offiziell noch Ansprechpartner für eine Gemeinde, die es nicht mehr gab. Unterdessen wurden die Tunnelsysteme des Lagers in den 1970er-Jahren als militärisches Depot der Nationalen Volksarmee zweckentfremdet. Selbst Kulturschaffende wurden ausgeblendet: Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 in die DDR übergesiedelt war, verschwand nach dem Sechstagekrieg 1967 aus den Staatsmedien und tauchte erst Mitte der 1970er-Jahre wieder auf.

Literarische Werke boten seltene Einblicke in jüdische Erfahrungen. 1969 erschienen in der DDR Romane der Holocaust-Überlebenden Peter Edel und Jurek Becker – ihre Resonanz blieb jedoch verhalten. Jahrzehnte später löste der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen 2018 Gerüchte über eine angebliche „Verschacherung an Juden“ aus und veranlasste Graf, die unaufgearbeitete Vergangenheit der Stadt zu erforschen.

Grafs „Verweigerte Erinnerung“ deckt auf, wie Halberstadts jüdische Geschichte unter Schichten staatlichen Schweigens und umgenutzter Räume begraben wurde. Die Umfunktionierung der Gedenkstätte, die militärische Nutzung der Lagertunnel und das Auslöschen von Persönlichkeiten wie Jaldati zeigen, wie die antifaschistische Rhetorik der DDR oft mit ihrer Praxis kollidierte. Das Buch zwingt zur Auseinandersetzung mit dem, was verloren ging – und was nie wirklich erinnert wurde.

Quelle